Heute war eine der anstrengendste Etappen bislang. Wir waren fast 9 Stunden unterwegs und haben dabei 21km Strecke, 1000m Aufstieg und 2100m Abstieg zurückgelegt. Hier gleich die Tour zum Nachverfolgen: Pfitscher Joch – Pfunders.
Wir sind heute morgen gegen 8 Uhr gestartet. Wir, d.h. heute Matthias und ich. Matthias Jahren wir gestern im Pfitscher-Joch-Haus kennengelernt. Er ist ein alter, erfahrener München-Venedig-Wanderer, der diesen Weg schon mehrmals gemacht hat und diesmal zwei Wochen auf dem für ihn schönsten Abschnitt wandert. Er hat sich uns heute angeschlossen, mal sehen wie lange er bei uns bleiben wird.

Jedenfalls bin ich also heute mit ihm gestartet. Zuerst mussten wir die 500m Abstieg nachholen, die wir gestern ausgelassen hatten. Das Wetter war ganz gut, wenn auch immer mal wieder ein paar tief hängende Wolken zu sehen waren. Nach ungefähr einer Stunde hatten wir den Parkplatz erreicht, an dem unser Weg wieder auf den von Stein kommenden Weg traf. Diejenigen, die in Stein übernachtet hatten, waren aber schon durch, so dass wir versuchten sie einzuholen.
Dann ging es mal wieder an einem der vielen Bergbäche hier entlang, an verfallenen Hütten vorbei und wieder über ein Schneefeld bzw. an ihm vorbei. Dort haben wir dann auch die anderen eingeholt, so dass wir ab dann zu sechst gewandert sind. Ab da begann dann auch der beschwerliche, will sehr steilen Aufstieg zur Gliederscharte. Aber die Belohnung für die Mühe war, fast traue ich es nicht zu sagen aus Furcht euch damit zu langweilen, phantastische Ausblicke aus Berge, Täler, Gletscher, Bäche, Schneefelder und was die alten noch so faszinierend macht.

Gehen Mittag sind wir dann auf der Gliederscharte, mit 2600m der höchste Punkt unserer heutigen Wanderung, angekommen. Wir suchen uns dort ein windgeschütztes Plätzchen, um dort eine Mittagspause zu machen. Das war richtig schön, nach dem anstrengenden Aufstieg dort etwas entspannen zu können.

Bei dem Aufstieg ist mir auch wieder der Tipp eingefallen, den mir Cordula noch auf die Reise mitgegeben hat. Viele von euch kennen sicherlich das Buch „Momo“ von Michael Ende. Dort wird der Straßenkehrer Beppo, einer von Momos Freunden gefragt, wie er es nur schaffe, eine lange Straße zu kehren. Seine Antwort war „Besenstrich für Besenstrich. Ich denke immer nur an den nächsten Besenstrich und nicht an die ganze Straße, die noch vor mir liegt.“ Und dies ist eigentlich auch meine Methode, nach der ich große Aufgaben angehe, Schritt für Schritt, ein Schritt nach dem anderen. Ich nenne es deswegen auch gerne die Beppo-Straßenkehrer-Methode. Aber heute auf der Wanderung fiel mir auf, dass das alleine nicht reicht, um sich zu motivieren. Ich denke, auch wenn man eine große Aufgabe Schritt für Schritt erledigen muss und sich nicht von der Größe der Aufgabe abschrecken lassen soll, sollte man die Aufgabe oder das große Ziel nie aus den Augen verlieren. Denn, warum macht man überhaupt die vielen Schritte? Ohne das Ziel werden die vielen kleinen Schritte sinnlos und verkommen zur reinen Willkür. Nur mit dem Ziel vor Augen, kann man sich motivieren, überhaupt immer wieder den nächsten Schritt zu tun. Und was auch noch zu meiner modifizierten Beppo-Straßenkehrer-Methode dazugehört, ist die Retrospektive, der Rückblick auf das schon Erreichte. Beim Bergwandern also immer wieder der Blick zurück nach unten, wir hoch man schon gekommen ist. In der Vorausschau reichen in der Regel der nächste oder die nächsten paar Schritte. Aber von Zeit zu Zeit sollte man auch immer wieder schauen, ob man noch auf den richtigen Weg ist, sonst wird man trotz der vielen kleinen Schritte das Ziel nie erreichen.
Wir haben heute unser Ziel erreicht. Erst die Gliederscharte und dann nach 1500m Abstieg Pfunders, wo wir jetzt sind. Auf dem Weg dorthin kamen wir noch an einer Alm vorbei, auf der eine Bergbauernfamilie mit ihren Kindern, Kühen, Gänsen und Schweinen weit ab vom der Zivilisation lebt in Häusern, in denen wahrscheinlich schon ihre Urgroßeltern gelernt haben und an denen seitdem nicht viel verändert wurde, außer vielleicht das verlegen vom Stromleitungen, damit die Smartphone aufblasen werden können.

Obwohl der Abstieg lang war und sich hinzog, war er doch auch schon, da tief unter dem Weg der Pfunderbach (oder einer seiner Nebenbäche, so genau weiß ich das nicht) floss und immer wieder atemberaubende Tiefblicke möglich waren.

Mit dem heutigen Tag ist auch schon der zweite Teil meiner Alpenüberquerung zu Ende, die Zentralalpen sind überschritten und ab morgen geht es in die Dolomiten. Da es aber schon spät ist, verschiebe ich das Resümee des zweiten Teils auf morgen. Da wir morgen nur eine kurze Etappe vor uns haben, habe ich dafür vielleicht mehr Zeit.
Lieber Stefan,
meinen Glückwunsch zum bisher Erreichten.Großartig!Wir freuen uns jeden Tag auf
deine tollen Berichte.Es ist schön,dass du auf deiner Wanderung Gesellschaft ge-
funden hast!Du wirst bestimmt dein gestecktes Ziel erreichen!
Liebe Grüße und weiterhin gutes Wandern
Papa und Mama
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